Ausgabe Oktober 2026Musik · Kino · Alltag

Liste

Konzertfilme: die besten Konzerte für Kino, Sofa und große Leinwand

Ein Konzertfilm verspricht, dabei gewesen zu sein, obwohl man es nicht war. Die besten schaffen mehr: Sie zeigen, was im Publikum nicht zu sehen war. Zehn Konzertfilme von 1968 bis 2023, von Festivals im Schlamm bis zur Stadionshow, mit Regie, Jahr und dem, was sie besonders macht.

Veröffentlicht am 6 Min. Lesezeit

AI Große Konzertbühne von hinten aus der Menge gesehen, erhobene Hände als Silhouetten, farbiges Licht und Nebel (mit AI erstelltes Bild)
Konzertbühne im Nebel · Mit AI erstelltes Bild · KI-Hinweis

Was ein Konzertfilm ist

Ein Konzertfilm hat kein Drehbuch, aber er hat einen Schnitt, und der entscheidet fast alles. Wo steht die Kamera? Sieht man das Publikum oder nur die Bühne? Bleibt der Film bei einem Song, bis er zu Ende ist, oder springt er? Aus denselben Aufnahmen lassen sich zwei völlig verschiedene Filme montieren.

Die Liste unten trennt Klassiker und neuere Filme. Spielfilme über Bands und Biopics stehen woanders, bei den besten Musikfilmen und bei den Filmen über Musiker. Filme, die Bands abseits der Bühne begleiten, sammelt der Artikel über Musikdokumentationen. Hier zählt nur, was auf einer Bühne wirklich passiert ist.

Klassiker: Festivals der 60er

Monterey Pop (1968)

D. A. Pennebaker filmte im Juni 1967 das Monterey International Pop Festival in Kalifornien. Zu sehen sind unter anderem Janis Joplin, Otis Redding, The Who und Jimi Hendrix, der am Ende seines Auftritts seine Gitarre in Brand setzt. Der Film schließt mit einem langen Stück von Ravi Shankar. Er ist der erste große Festivalfilm, der die Form für alle späteren festlegte, und zeigt Otis Redding, der wenige Monate später starb.

Woodstock (1970)

Michael Wadleigh drehte das Festival vom August 1969 mit mehreren Kamerateams, im Schnittteam saßen unter anderem Thelma Schoonmaker und Martin Scorsese. Die geteilte Leinwand zeigt oft Bühne und Publikum gleichzeitig. Jimi Hendrix spielt „The Star-Spangled Banner“, Joe Cocker „With a Little Help from My Friends“. Der Film gewann 1971 den Oscar als bester Dokumentarfilm. Mindestens so gut sind die Szenen abseits der Bühne: Regen, Schlamm, Toiletten.

Gimme Shelter (1970)

Albert und David Maysles sowie Charlotte Zwerin begleiteten die Rolling Stones auf ihrer US-Tournee 1969. Der Film endet beim Gratiskonzert auf dem Altamont Speedway im Dezember, bei dem der Zuschauer Meredith Hunter getötet wurde. Die Band sieht sich die Aufnahmen später im Schneideraum an, und der Film zeigt ihre Gesichter dabei. Er ist das Gegenstück zu „Woodstock“, gedreht nur vier Monate später.

AI Kameraaufbau seitlich einer leeren Arenabühne vor einem Konzert mit Kabeln und Scheinwerfern (mit AI erstelltes Bild)
Kameras vor dem Konzert · Mit AI erstelltes Bild · KI-Hinweis

Klassiker: leere Ränge und große Abschiede

Nach den Festivals wurde der Konzertfilm kontrollierter. Regisseure planten Kameraeinstellungen vorab, und manche Bands spielten gleich ganz ohne Zuschauer.

Pink Floyd: Live at Pompeii (1972)

Adrian Maben filmte Pink Floyd im Oktober 1971 im antiken Amphitheater von Pompeji, ohne Publikum. Die Band spielt unter anderem „Echoes“ und „A Saucerful of Secrets“ vor leeren Steinrängen. Spätere Fassungen fügten Studioaufnahmen zu „The Dark Side of the Moon“ hinzu. Eindrücklich sind die seltsame Stille dieses Ortes, an dem nur die Technik und das Filmteam zuhören, und eine Band kurz vor ihrem größten Erfolg.

The Last Waltz (1978)

Martin Scorsese filmte das Abschiedskonzert von The Band an Thanksgiving 1976 im Winterland Ballroom in San Francisco. Gäste sind unter anderem Bob Dylan, Joni Mitchell, Neil Young, Muddy Waters und Van Morrison. Dazwischen stehen Interviews und einige im Studio nachgedrehte Nummern. Der Film zeigt beispielhaft, wie viel Planung ein Konzertfilm braucht: Scorsese drehte nach einem genauen Ablaufplan.

Stop Making Sense (1984)

Jonathan Demme drehte Talking Heads an vier Abenden im Dezember 1983 im Pantages Theatre in Hollywood. David Byrne beginnt allein mit Gitarre und Kassettenrekorder bei „Psycho Killer“, danach kommt mit jedem Song ein Musiker dazu. Später trägt Byrne den berühmten übergroßen Anzug. Das Publikum sieht man kaum. 2023 brachte A24 eine restaurierte 4K-Fassung erneut in die Kinos. Hier folgt jede Kameraeinstellung der Musik.

Neuere Konzertfilme

Seit den 2010ern hat sich die Form gespalten. Auf der einen Seite stehen aufwendige Stadionfilme, die oft direkt ins Kino oder zu einem Streamingdienst gehen, auf der anderen Dokumentationen, die alte Aufnahmen neu sichten.

Homecoming (2019)

Beyoncé führte gemeinsam mit Ed Burke Regie bei diesem Film über ihre beiden Auftritte beim Coachella-Festival im April 2018. Die Show orientiert sich an den Traditionen der historisch schwarzen Colleges der USA, mit Marching Band, Step-Tänzern und einem riesigen Ensemble. Zwischen den Songs zeigt der Film die Proben. Netflix brachte ihn 2019 heraus. Die Proben sind dabei so sehenswert wie die Bühne.

American Utopia (2020)

Spike Lee filmte die Broadway-Show von David Byrne, die auf dessen Album „American Utopia“ von 2018 beruht. Die Musiker bewegen sich barfuß über eine leere Bühne, alle Instrumente sind kabellos. Am Ende steht der Song „Hell You Talmbout“ von Janelle Monáe. Ansehen lohnt sich als Fortsetzung von „Stop Making Sense“, mehr als 35 Jahre später, mit einem Sänger, der seine eigene Bühnenidee noch einmal weiterdenkt.

Summer of Soul (2021)

Ahmir „Questlove“ Thompson stellte den Film aus Aufnahmen des Harlem Cultural Festival 1969 zusammen, die jahrzehntelang kaum gezeigt worden waren. Zu sehen sind Nina Simone, Stevie Wonder, Sly and the Family Stone, Mahalia Jackson und viele mehr. Der Film gewann den Oscar als bester Dokumentarfilm. Er holt ein Festival zurück, das im Sommer von Woodstock stattfand und fast vergessen wurde.

Taylor Swift: The Eras Tour (2023)

Sam Wrench filmte drei Konzerte im SoFi Stadium bei Los Angeles im August 2023. Der Film kam im Oktober in die Kinos und wurde zum umsatzstärksten Konzertfilm der Kinogeschichte. Die Show ist in Abschnitte nach Swifts Alben gegliedert. Er zeigt, wie ein Konzertfilm heute ein Kinoereignis sein kann, für das Menschen in Kostümen ins Kino gehen, und wie viel Technik dazu nötig ist.

Häufige Fragen

Was ist der beste Konzertfilm aller Zeiten?

In vielen Kritikerlisten steht „Stop Making Sense“ von Jonathan Demme mit Talking Heads ganz oben. Der Film verzichtet fast ganz auf Bilder des Publikums und baut die Show Song für Song auf, vom einzelnen Sänger mit Kassettenrekorder bis zur vollen Band. Knapp dahinter folgen meist „The Last Waltz“ von Martin Scorsese und „Woodstock“, der 1971 den Oscar als bester Dokumentarfilm gewann.

Was ist der Unterschied zwischen Konzertfilm und Musikdokumentation?

Ein Konzertfilm zeigt vor allem einen oder wenige Auftritte, oft ohne Interviews und Hintergrund. Eine Musikdokumentation erzählt dagegen eine Geschichte über Künstler, Band oder Szene und nutzt Konzertaufnahmen nur als Teil davon. Viele Filme mischen beides. „Gimme Shelter“ etwa ist zugleich Tourfilm, Konzertfilm und Dokumentation über einen Tag, an dem bei einem Festival ein Mensch getötet wurde.

Laufen Konzertfilme auch im Kino?

Ja, und in den vergangenen Jahren wieder häufiger. Der Film zur Eras Tour von Taylor Swift kam im Oktober 2023 weltweit in die Kinos, im selben Jahr startete eine restaurierte 4K-Fassung von „Stop Making Sense“. Ältere Konzertfilme tauchen zudem bei Jubiläen und in Programmkinos auf. Zuhause laufen sie zeitweise bei Streamingdiensten oder sind auf Blu-ray erhältlich.

Welcher Konzertfilm wurde ohne Publikum gedreht?

„Pink Floyd: Live at Pompeii“. Adrian Maben filmte die Band im Oktober 1971 im antiken Amphitheater von Pompeji vor leeren Steinrängen. Zu hören sind unter anderem „Echoes“ und „A Saucerful of Secrets“.