Was einen guten Musikfilm ausmacht
Ein Musikfilm braucht gute Musik, das ist klar. Er braucht aber vor allem einen Grund, warum diese Musik genau in dieser Szene läuft. Die besten Beispiele lassen die Lieder etwas erzählen, das die Dialoge nicht schaffen: Ein Song zeigt, dass eine Figur erwachsen wird, eine Probe zeigt, dass eine Band zerfällt. Wenn ein Film dagegen nur Hits aneinanderreiht, merkt man das spätestens nach dem dritten.
Diese Liste ordnet die Filme nach Jahrzehnten. Konzertfilme und klassische Biopics fehlen absichtlich, für sie gibt es eigene Artikel über Filme über Musiker und über Konzertfilme. Übrig bleiben Spielfilme, in denen Musik die Geschichte antreibt. Die meisten stammen aus den Jahren zwischen 1977 und 2014, und die Musikfilme der 80er stellen mit vier Titeln die größte Gruppe. Welche Musikfilme dabei die besten sind, ist am Ende Geschmack; die besten Musikfilme aller Zeiten haben aber eines gemeinsam, nämlich dass man sie auch ein zweites Mal sieht.
Musikfilme der 70er: Disco und Mods
Saturday Night Fever (1977)
Regie führte John Badham, die Hauptrolle spielt John Travolta als Tony Manero, ein junger Verkäufer aus Brooklyn, der nur am Samstagabend in der Disco jemand ist. Die Songs der Bee Gees, darunter „Stayin' Alive“, „Night Fever“ und „How Deep Is Your Love“, laufen nicht als Dekoration, sie sind der einzige Ort, an dem Tony frei ist. Das Soundtrack-Album gewann den Grammy als Album des Jahres. Der Film ist viel düsterer als sein Ruf als Discofilm, und genau das macht ihn sehenswert.
Quadrophenia (1979)
Franc Roddam drehte den Film nach dem gleichnamigen Album von The Who aus dem Jahr 1973. Phil Daniels spielt Jimmy, einen jungen Mod im London von 1964, der zwischen Amphetamin, Motorrollern und den Straßenschlachten mit den Rockern in Brighton seinen Platz sucht. Die Musik der Who kommentiert seine Lage, ohne dass die Band selbst auftritt. Sehenswert ist der Film als Porträt einer Jugendkultur, das ohne Nostalgie auskommt und auch Sting in einer frühen Rolle zeigt.

Musikfilme der 80er: von Spinal Tap bis Dirty Dancing
Die Musikfilme der 80er sind bunter und lauter als die des Jahrzehnts davor. MTV startete 1981, und plötzlich sahen Filmszenen aus wie Musikvideos und umgekehrt. Vier Titel aus den 80er Jahren zeigen, wie breit das Feld war.
The Blues Brothers (1980)
John Landis schickt Dan Aykroyd und John Belushi als Jake und Elwood Blues auf eine „Mission von Gott“: Sie sollen Geld für ein Waisenhaus in Chicago auftreiben. Unterwegs treffen sie Aretha Franklin mit „Think“, Ray Charles in seinem Musikgeschäft, James Brown als Prediger und Cab Calloway mit „Minnie the Moocher“. Die Verfolgungsjagden sind absurd, die Musiknummern ernst gemeint. Allein die Gastauftritte, die Soul und Rhythm and Blues einem jungen Publikum vorstellten, rechtfertigen den Abend.
This Is Spinal Tap (1984)
Rob Reiner inszeniert sich selbst als Dokumentarfilmer, der die fiktive britische Band Spinal Tap auf ihrer US-Tournee begleitet. Die Musiker spielen und singen selbst, die Lieder klingen ernst genug, um wehzutun. Der Verstärker, der „bis elf“ geht, und das zu klein geratene Stonehenge-Bühnenbild sind in die Alltagssprache eingegangen. Kaum ein Film trifft die Selbstüberschätzung des Rockgeschäfts so genau, und viele Musiker sagen, dass sie darin ihre eigene Band erkennen.
Purple Rain (1984)
Albert Magnoli drehte den Film mit Prince in Minneapolis, viele Konzertszenen entstanden im Club First Avenue. Prince spielt „The Kid“, einen jungen Musiker zwischen Bühne, Elternhaus und Konkurrenz durch die Band The Time. Die Musik, darunter „When Doves Cry“ und der Titelsong, gewann den Oscar für die beste Filmmusik in der Kategorie Original Song Score. Die Handlung ist dünn, die Auftritte nicht. Wer wenig Zeit hat, bleibt wenigstens für die letzten zwanzig Minuten.
Dirty Dancing (1987)
Regie führte Emile Ardolino. Jennifer Grey spielt Baby, die im Sommer 1963 mit ihrer Familie in einem Ferienhotel in den Catskills Urlaub macht und von Johnny, gespielt von Patrick Swayze, tanzen lernt. Der Soundtrack mischt Oldies der frühen 60er mit neuen Songs, und „(I've Had) The Time of My Life“ von Bill Medley und Jennifer Warnes gewann den Oscar als bester Filmsong. Er spricht klüger über Klasse und Geld, als sein Ruf vermuten lässt.

Musikfilme der 90er und 2000er
The Commitments (1991)
Alan Parker verfilmte den Roman von Roddy Doyle über junge Leute aus dem Norden Dublins, die eine Soulband gründen. Die Darsteller waren größtenteils Musiker und singen selbst, Andrew Strong war als Sänger Deco erst 16 Jahre alt. Die Band spielt Klassiker wie „Mustang Sally“ und „Try a Little Tenderness“, und man hört, wie sie von Probe zu Probe besser wird. Der Film zeigt, dass eine Band eher an Streit als an fehlendem Talent zerbricht.
Almost Famous (2000)
Cameron Crowe erzählt halb autobiografisch, wie er als Teenager für den Rolling Stone mit einer Band auf Tour ging. Im Film heißt die Band Stillwater und ist erfunden, der Rest der frühen 70er nicht. Die berühmteste Szene zeigt den ganzen Tourbus, der nach einem Streit gemeinsam „Tiny Dancer“ von Elton John singt. Der Film gewann den Oscar für das beste Originaldrehbuch und 2001 den Grammy für den besten Compilation-Soundtrack. Sehenswert für jeden, der einmal über Musik geschrieben hat.
24 Hour Party People (2002)
Michael Winterbottom drehte den Film nach einem Drehbuch von Frank Cottrell Boyce. Steve Coogan spielt Tony Wilson, den Chef von Factory Records, und führt durch die Musikszene Manchesters von 1976 bis 1992: das Konzert der Sex Pistols, Joy Division, New Order, die Happy Mondays und den Club Haçienda. Wilson spricht oft direkt in die Kamera und gibt zu, dass manches so nicht passiert ist. Er taugt als Gegenstück zu jedem ernsten Biopic und lief 2002 im Wettbewerb von Cannes.
Once (2007)
John Carney drehte den Film mit sehr wenig Geld auf den Straßen von Dublin. Glen Hansard von der Band The Frames spielt einen Straßenmusiker, Markéta Irglová eine junge Tschechin, die Klavier spielt. Die beiden schreiben und nehmen in wenigen Tagen ein paar Songs auf, und mehr passiert im Grunde nicht. „Falling Slowly“ gewann 2008 den Oscar als bester Filmsong. Hier lässt sich zusehen, wie ein Lied entsteht, ohne dass der Film es erklärt.

Die besten Musikfilme seit 2010
Inside Llewyn Davis (2013)
Joel und Ethan Coen erzählen von einer Woche im Leben eines erfolglosen Folksängers in Greenwich Village, kurz bevor Bob Dylan die Szene veränderte. Die Geschichte ist lose angelehnt an die Erinnerungen von Dave Van Ronk. Oscar Isaac singt und spielt alle Stücke selbst und meistens in voller Länge, live aufgenommen, T Bone Burnett war für die Musik verantwortlich. Der Film gewann in Cannes den Großen Preis der Jury. Was bleibt, sind eine Katze und das Gefühl, knapp danebenzuliegen.
Whiplash (2014)
Damien Chazelle zeigt einen jungen Jazzschlagzeuger, gespielt von Miles Teller, an einem Konservatorium in New York und seinen Lehrer Fletcher, gespielt von J. K. Simmons. Fletcher treibt seine Big Band mit Beleidigungen und geworfenen Stühlen an, und der Film fragt, ob Größe solche Methoden rechtfertigt. Simmons gewann den Oscar als bester Nebendarsteller, der Film außerdem die Preise für Schnitt und Ton. Der Höhepunkt ist das Schlusssolo, das sich anfühlt wie ein Actionfilm.

Musikfilme von Netflix
Wer nach den besten Musikfilmen Netflix-eigener Produktion sucht, landet schnell bei Biopics und Konzertfilmen. Spielfilme mit erfundener oder frei erzählter Handlung sind seltener. Welche Titel gerade im Programm sind, ändert sich ständig, deshalb geht es hier nur um Filme, die Netflix selbst hergestellt hat.
tick, tick... BOOM! (2021)
Lin-Manuel Miranda, bekannt durch „Hamilton“, gab mit diesem Film sein Regiedebüt. Andrew Garfield spielt Jonathan Larson, der Jahre vor seinem Musical „Rent“ als Kellner in New York arbeitet und gegen seinen 30. Geburtstag anschreibt. Grundlage ist Larsons gleichnamiges Bühnenstück, die Lieder stammen von ihm. Ansehen lohnt sich als Film über die Arbeit am Schreiben, nicht nur über den Erfolg.
Unter den besten Musikfilmen Netflix-eigener Produktion ist er der klarste Spielfilm. Die Biopics „Ma Rainey's Black Bottom“ und „Maestro“ stehen im Artikel über Filme über Musiker, „Homecoming“ bei den Konzertfilmen.
