Wofür Serien Soundtracks brauchen
Eine Serie hat ein Problem, das ein Kinofilm nicht hat: Sie muss Menschen dazu bringen, nächste Woche wiederzukommen. Musik hilft dabei mehr als jede Cliffhanger-Szene. Eine Titelmelodie, die man nach drei Folgen mitsummt, ist ein Versprechen, dass Stadt, Figuren und Ton dieselben bleiben. Ein Song am Ende einer Folge dagegen kann eine Szene schließen, die kein Dialog schließen würde.
Seit den 80ern bekommen Serien Soundtracks, die als eigene Alben verkauft werden, und seit den 2000ern ist der Music Supervisor ein Beruf, den man im Abspann sucht. Dass die besten Serien Soundtracks bekommen, die man auch ohne Bild hört, ist dabei kein Zufall. Gute Showrunner denken die Musik von Anfang an mit.
Bekannte Titelmelodien der 80er und 90er
Die 80er sind das Jahrzehnt, in dem Fernsehen anfing, wie MTV auszusehen. Zwei amerikanische Serien zeigen die beiden Richtungen, die seitdem nebeneinander bestehen: Popsongs, die eine Szene tragen, und eine komponierte Stimmung, die die ganze Serie färbt.
Miami Vice (1984–1990)
Anthony Yerkovich entwickelte die Serie, Michael Mann war ausführender Produzent. Die Polizisten Crockett und Tubbs jagen Drogenhändler durch ein pastellfarbenes Miami, und die Musik behandelt jede zweite Szene wie einen Videoclip. Die Titelmusik von Jan Hammer stand im November 1985 an der Spitze der Billboard-Charts. Berühmt wurde die Nachtfahrt der beiden zu „In the Air Tonight“ von Phil Collins. Hier sieht man, woher der Stil vieler späterer Krimiserien kommt.
Twin Peaks (1990–1991, 2017)
David Lynch und Mark Frost erfanden eine Kleinstadt im Nordwesten der USA, in der die Leiche der Schülerin Laura Palmer gefunden wird. Angelo Badalamenti schrieb mit Lynch das Leitmotiv der Serie in rund 20 Minuten. Die Sängerin Julee Cruise singt mit „Falling“ eine Version davon, und ihre Lieder tauchen in der Serie selbst auf. In der Fortsetzung von 2017 enden viele Folgen mit Bands auf der Bühne des Roadhouse. Die Serie ist ein Lehrstück darüber, wie Musik Unheimliches erzeugt.

Die besten Serien seit 2000
Um die Jahrtausendwende beginnt das, was später als goldenes Zeitalter des Fernsehens bezeichnet wurde. Kabelsender wie HBO gaben Showrunnern Zeit und Geld, auch für Musiklizenzen. Gleichzeitig lernten Jugendserien, dass bekannte Serien Soundtracks als Album verkaufen können, und dass Bands davon profitieren.
The Sopranos (1999–2007)
David Chase erzählt vom Mafiaboss Tony Soprano aus New Jersey, der zur Psychiaterin geht. Der Vorspann zeigt seine Fahrt aus New York nach Hause, unterlegt mit „Woke Up This Morning“ von Alabama 3. Chase suchte die Songs vieler Folgen selbst aus, und viele enden mit einem Lied statt mit einem Dialog. Die letzte Szene der Serie mit „Don't Stop Believin'“ von Journey wird bis heute diskutiert. Zu hören ist auch, wie präzise ein Abspannsong sein kann.
Gilmore Girls (2000–2007)
Amy Sherman-Palladino schuf die Serie über Lorelai und Rory Gilmore in der Kleinstadt Stars Hollow und war zugleich ihre Music Supervisor. Die Filmmusik stammt von der Songwriterin Sam Phillips, meist nur Stimme, Akustikgitarre und „La-la“-Gesang. Die Figuren reden ständig über Bands, und Sonic Youth, The Shins und Sparks treten auf. Die Popkultur-Anspielungen kommen im Sekundentakt, und die Musik ist nie lauter als die Dialoge.
Six Feet Under (2001–2005)
Alan Ball erzählt von der Familie Fisher, die in Los Angeles ein Bestattungsunternehmen führt. Jede Folge beginnt mit einem Todesfall. Das Titelthema schrieb Thomas Newman, der sonst vor allem für Kinofilme komponiert. Am Ende der letzten Folge läuft „Breathe Me“ von Sia über eine Montage, die die Zukunft aller Hauptfiguren zeigt. Es gilt als eines der bekanntesten Serienenden überhaupt. Wegen dieser Szene allein muss man die Serie nicht beginnen, aber sie trifft nur, wenn man alles davor kennt.
The Wire (2002–2008)
David Simon erzählt in fünf Staffeln von Baltimore, von Drogenhandel, Hafen, Politik, Schulen und Zeitung. Der Titelsong „Way Down in the Hole“ von Tom Waits läuft in jeder Staffel in einer anderen Fassung: zuerst von den Blind Boys of Alabama, dann von Tom Waits selbst, danach von den Neville Brothers, von DoMaJe, fünf Jugendlichen aus Baltimore, und zuletzt von Steve Earle. In den Folgen selbst gibt es fast nur Musik, die aus Autoradios oder Bars kommt. Hier erzählt der Vorspann die Geschichte mit.
The O.C. (2003–2007)
Josh Schwartz schickt Ryan Atwood aus Chino in die Villen von Newport Beach. Music Supervisor Alexandra Patsavas machte Indie-Rock zu einem Kern der Serie, Bands traten im fiktiven Club The Bait Shop auf, und es erschienen sechs Soundtrack-Alben. Die Band Rooney sprach nach ihrem Auftritt von einem Umsatzplus von 200 Prozent. Auch „Hello Sunshine“ von den Super Furry Animals lief in der Serie. Der Titelsong ist „California“ von Phantom Planet. Heute wirkt die Serie wie eine Zeitkapsel des Indie-Pop um 2004.

Serien mit gutem Soundtrack aus jüngerer Zeit
Seit Streamingdienste eigene Serien produzieren, sind Serien mit gutem Soundtrack fast eine Erwartung geworden. Die drei folgenden zeigen, dass das auch heißen kann, ganz auf alte Musik oder ganz auf neue Klänge zu setzen.
Stranger Things (2016–2025)
Die Duffer-Brüder siedeln die Serie in den 80ern in einer Kleinstadt in Indiana an. Kyle Dixon und Michael Stein von der Band Survive schrieben den Synthesizer-Score als Verbeugung vor Tangerine Dream, John Carpenter und Vangelis. Dazu kommen lizenzierte Songs, darunter Joy Division und New Order. 2022 kehrte „Running Up That Hill“ von Kate Bush durch die vierte Staffel in die Charts zurück. Bemerkenswert ist, wie genau die 80er hier zitiert werden.
Dark (2017–2020)
Baran bo Odar und Jantje Friese schufen die erste deutsche Serie für Netflix. In der Kleinstadt Winden verschwinden Kinder, und die Geschichte springt zwischen mehreren Jahrzehnten. Der Vorspann läuft zu „Goodbye“ von Apparat mit Soap&Skin, ein langsames, düsteres Stück, das die ganze Serie vorwegnimmt. Die BBC setzte Dark 2021 auf Platz 58 der besten Serien des 21. Jahrhunderts. Schon der Vorspann ist einer, den man nicht überspringt.
Babylon Berlin (2017–2026)
Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten schrieben die Serie über Kommissar Gereon Rath im Berlin der späten 20er Jahre und führten gemeinsam Regie. Tykwer und Johnny Klimek komponierten die Musik. In der ersten Folge singt Severija Janušauskaitė als Swetlana Sorokina im Club Moka Efti „Zu Asche, zu Staub“, als Sänger Nikoros verkleidet. Das Lied kam später in die deutschen Singlecharts. Ansehen sollte man die Serie für diese eine Szene, die den Ton für fünf Staffeln setzt.
Titelmusik oder Songauswahl
Die beiden Wege führen zu sehr verschiedenen Ergebnissen. Eine komponierte Titelmusik wird zum Markenzeichen und überlebt manchmal die Serie. Der „Tatort“ läuft seit 1970 mit dem Thema von Klaus Doldinger, auf der ersten Aufnahme spielte Udo Lindenberg Schlagzeug. „Friends“ wiederum ist ohne „I'll Be There for You“ von The Rembrandts kaum denkbar.
Die Songauswahl dagegen altert mit ihrer Zeit, und genau das macht sie wertvoll. Wer heute „The O.C.“ sieht, hört 2004. Warum bekannte Serien Soundtracks mit lizenzierten Songs oft schwer wieder veröffentlichen können, hat übrigens einen einfachen Grund: Die Rechte waren häufig nur für die Erstausstrahlung gekauft. Ein Beispiel für den umgekehrten Fall, einen Soundtrack, der größer wurde als sein Film, ist der Juno-Soundtrack.
