Wenige Wochen nach seinem Erscheinen stand ein Album auf Platz eins der Billboard 200, auf dem eine Frau mit Akustikgitarre über Schaukeln aus Autoreifen und lose Lippen sang. Das war ungewöhnlich, denn die Lieder klangen nach Schlafzimmer, nach einem Mikrofon und einer einzigen Aufnahme. Kimya Dawson hatte für diesen Erfolg nichts an ihrer Arbeitsweise geändert. Der Film Juno war zu ihr gekommen, nicht umgekehrt.
Wer Kimya Dawson ist
Kimya Dawson wurde 1972 geboren, laut Wikipedia in Bedford Hills im Bundesstaat New York. Sie gehört zur Anti-Folk-Szene, einer Strömung, die sich gegen die polierte Singer-Songwriter-Tradition stellte. Ihre Stücke sind kurz, oft komisch, manchmal schmerzhaft offen, und sie verzichten bewusst auf Studioglanz. Ihre Platten erschienen bei Rough Trade und K Records, dem kleinen Label aus Olympia im Bundesstaat Washington.
Die Moldy Peaches und Mount Kisco
Angefangen hat alles in einem Plattenladen. In Exile on Main Street Records in Mount Kisco, einem Ort nördlich von New York City, lernte Dawson Adam Green kennen. Gemeinsam gründeten sie die Moldy Peaches, erste Aufnahmen entstanden zwischen 1994 und 1996. Das Debüt The Moldy Peaches kam am 11. September 2001 bei Rough Trade heraus,
Ihr bekanntestes Lied ist ein kleines Liebesduett: „Anyone Else but You“. 2004 legte das Duo eine Pause ein, und Dawson konzentrierte sich auf ihre Soloplatten.
Juno: wie der Soundtrack Kimya Dawson bekannt machte
Jason Reitmans Film Juno lief 2007 an, das Drehbuch stammte von Diablo Cody. Dass der Juno Soundtrack Kimya Dawsons Handschrift trägt, hat zwei Gründe: Dawson half bei der Auswahl der Songs, und der Komponist Mateo Messina baute seine Filmmusik auf ihrem Stil auf. Fünf ihrer Solo-Songs sind auf dem Album, dazu zwei Stücke von Antsy Pants und eines der Moldy Peaches.
Rhino brachte die Platte am 11. Dezember 2007 heraus. In der dritten Woche des physischen Verkaufs erreichte sie Platz eins der Billboard 200, und bei den Grammys 2009 gewann sie den Preis für das beste Compilation-Soundtrack-Album. Die Version von „Anyone Else but You“, die Michael Cera und Elliot Page im Film singen, kam sogar in die Billboard Hot 100.
Die Gesellschaft auf der Platte ist bemerkenswert. Eröffnet wird sie von Barry Louis Polisar mit „All I Want Is You“, danach folgen The Kinks mit „A Well Respected Man“, Buddy Holly, Mott the Hoople mit „All the Young Dudes“, The Velvet Underground, Cat Power mit „Sea of Love“, zweimal Belle & Sebastian und Sonic Youth mit ihrer Version von „Superstar“. Zwischen diesen Namen fallen Dawsons Lieder nicht ab. Sie fallen auf, weil sie so wenig nach Studio klingen.
Wie sehr der Juno Soundtrack Kimya Dawson verändert hat, lässt sich schwer messen. Ihre Musik hat er jedenfalls nicht verändert. Die Platten danach klingen genauso selbstgemacht wie die davor. Mehr über den Film und die übrigen Lieder steht in der Geschichte zum Juno Soundtrack.

Kimya Dawsons Songs: wo man anfängt
Kimya Dawsons Songs funktionieren am besten im Albumzusammenhang, weil sie aufeinander antworten. Der leichteste Einstieg ist Remember That I Love You (K Records, 2006). Dort stehen „Tire Swing“, „Loose Lips“ und „My Rollercoaster“, die später alle in Juno liefen, dazu „My Mom“ und „I Like Giants“. Wer die Lieder aus dem Film kennt, hört hier, woher sie kommen.
Danach lohnt der Schritt zurück zu Hidden Vagenda (2004) und der Schritt nach vorn zu Thunder Thighs (2011), auf dem Gäste wie Aesop Rock und John Darnielle von The Mountain Goats mitspielen. Eine Sonderstellung hat Alphabutt (K Records, 2008): ein Kinderalbum, das trotzdem nicht nach Kinderzimmer-Pädagogik klingt.
Die Alben im Überblick
- The Moldy Peaches mit Adam Green (Rough Trade, 2001)
- I'm Sorry That Sometimes I'm Mean (Rough Trade, 2002), das erste Soloalbum
- Hidden Vagenda (K Records, 2004)
- Remember That I Love You (K Records, 2006)
- Alphabutt (K Records, 2008)
- Thunder Thighs (Great Crap Factory, 2011)
- Hokey Fright als The Uncluded mit Aesop Rock (Rhymesayers, 2013)
- Hell Is in Pittsburgh Tonight mit Adam Kirkup (Mahogany Songs, April 2026)

Zusammenarbeit von They Might Be Giants bis Aesop Rock
Dawson arbeitet gern mit anderen. Sie hat mit They Might Be Giants, The Mountain Goats und Regina Spektor Musik gemacht, mit Third Eye Blind sang sie das Duett „Self-Righteous“ auf deren Album Out of the Vein. Die engste Verbindung entstand mit dem Rapper Aesop Rock: Als The Uncluded veröffentlichten die beiden 2013 bei Rhymesayers das Album Hokey Fright. Dass eine Anti-Folk-Musikerin und ein Underground-Rapper so gut zusammenpassen, überrascht nur auf dem Papier. Beide schreiben dichte, sehr persönliche Texte mit vielen Bildern. Wer nach dieser Platte weiterhören will, findet bei Miss Alaska aus Hamburg eine Songwriterin, die Regina Spektor zu ihren Einflüssen zählt.
Tour und Gegenwart
Seit die Moldy Peaches 2004 pausieren, ist Dawson laut Wikipedia viel durch Nordamerika und Europa getourt. Eine Kimya Dawson Tour führte Mitte der 2000er-Jahre auch nach München, wo das frühere Fanzine KOMAKINO sie im Atomic Café traf, ungefähr zu der Zeit ihres ersten im Studio aufgenommenen Albums. Für eine aktuelle Kimya Dawson Tour sind ihre eigenen Kanäle und die Seiten der Veranstalter die verlässlichste Quelle, denn Termine ändern sich schnell. Ganz neu ist die Zusammenarbeit mit Adam Kirkup: Hell Is in Pittsburgh Tonight erschien im April 2026.
