Am 17. März 1979 nahm eine Band in den Rüssl Studios in Hamburg an einem einzigen Tag 31 Titel auf. Keiner davon sollte eine Single werden. Die Stücke waren für Hörspiele gedacht, und sie wurden zum Klang einer ganzen westdeutschen Kassettenkindheit. Der Mann am Schlagzeug hieß Carsten Bohn. Auf den Hüllen stand sein Name nicht.
Wer Carsten Bohn ist: von den City Preachers zu Frumpy
Carsten Bohn wurde 1948 in Hamburg geboren, Spitzname „CeBee“. Er begann als Schlagzeuger bei The City Preachers. 1969 gründete er mit Inga Rumpf, Jean-Jacques Kravetz und Karl-Heinz Schott die Band Frumpy, eine der bekannteren deutschen Rockbands der frühen Siebziger. Frumpy veröffentlichte All Will Be Changed (1970, Philips), Frumpy 2 (1971), By the Way (1972, Vertigo) und das Livealbum Frumpy Live (1972).
Danach ging Bohn eigene Wege. Mit seiner Band nahm er ab 1977 Alben auf, die zwischen Jazzrock, Funk und Krautrock pendeln, und fand über einen Umweg zu der Arbeit, für die er heute bekannt ist.
Hörspielmusik für die drei Fragezeichen, TKKG und Fünf Freunde
Zwischen 1979 und 1983 komponierte Bohn 98 Musikstücke für EUROPA, das Hörspiellabel von Miller International. 78 davon wurden tatsächlich eingesetzt, in Die drei ???, TKKG, Fünf Freunde, der Gruselserie von H. G. Francis, Larry Brent und Flash Gordon. Das Titellied von Fünf Freunde singt Bohn selbst. Carsten Bohns Hörspielmusik ist kurz, funkig und erstaunlich vielseitig: Verfolgungsjagden, Spannungsbögen, kleine Atempausen zwischen zwei Szenen.
Dass Carsten Bohn drei Fragezeichen-Hörern bis heute ein Begriff ist, obwohl sein Name nie auf einer Kassette stand, liegt an genau diesen Stücken. Wer als Kind die frühen Folgen gehört hat, erkennt die Musik nach zwei Takten wieder. Die drei Fragezeichen waren dabei nur die bekannteste Serie unter vielen.
Für die Aufnahmen stand Bandstand im Studio. Bei der ersten Hörspielsession im März 1979 spielten neben Bohn am Schlagzeug Frank Fischer am Bass, Manfred Rürup an den Keyboards, Richard Schumacher an der E-Gitarre und Tommy Goldschmidt an der Percussion. Das Rüssl Studio gehörte nach Bohns eigener Aussage Otto Waalkes, ein Detail, das gut zu einem Tag passt, an dem 31 Stücke entstanden.

Der Streit um die Hörspielmusik
EUROPA führte als Urheber der Musik nicht Bohn, sondern erfundene Sammelpseudonyme wie „Bert Brac“. Daraus entstand ein Streit um Tantiemen und Urheberrechte, der sich über Jahrzehnte hinzog. Die Quellen nennen für seinen Beginn unterschiedliche Jahre, deshalb bleibt es hier bei dieser Beschreibung.
Für Hörer hatte der Streit eine sehr konkrete Folge: Die betroffenen Episoden wurden mit Ersatzmusik neu aufgelegt, darunter die Folgen 1 bis 39 der drei Fragezeichen und 1 bis 33 von TKKG. Die Geschichten blieben gleich, der Klang nicht. Das ist ärgerlich, denn die Ersatzmusik trifft den Ton der alten Folgen selten so genau wie das Original. Ob der Konflikt inzwischen vollständig beigelegt ist, lässt sich aus den verfügbaren Quellen nicht sicher sagen.
Carsten Bohn's Bandstand: eine Band mit wechselnder Besetzung
Carsten Bohn's Bandstand war nie eine Band im klassischen Sinn. Bohn selbst hat sie in einem Interview als die Band beschrieben, mit der er im jeweiligen Jahr auf Tour war, nach dem Vorbild von Frank Zappas Mothers of Invention. 1980 spielte etwa der Gitarrist David Torn mit. Zwischen 1977 und 1981 entstanden drei Alben. Das erste, Humor Rumor, erschien 1977, danach folgten Mother Goose Shoes und C. B. Radio, deren Erscheinungsjahre die Quellen unterschiedlich angeben.
Zwischen 1979 und 1981 lieferte die Band außerdem Musik für weitere EUROPA-Serien, etwa Perry Rhodan und Die verwegenen Vier. Hörspielmusik war damit für einige Jahre ihre wichtigste Aufgabe.

Brandnew Oldies: die Musik noch einmal eingespielt
Carsten Bohns Hörspielmusik lag in den originalen Sessionbändern bei EUROPA, und die durfte er nicht veröffentlichen. Also wählte er einen anderen Weg. 2004 belebte er Carsten Bohn's Bandstand wieder und nahm die alten Stücke neu auf. Brandnew Oldies Vol. 1 erschien im Oktober 2004 mit 18 Stücken, zum ersten Mal in voller Länge statt als kurze Szenenmusik. Es folgten Vol. 2 (2005), Vol. 3 (2009) und Vol. 4 (2018), zwischen 2020 und 2023 dazu Vinyl-Ausgaben.
Am 6. Mai 2005 spielte die Band im Saturn an der Mönckebergstraße in Hamburg ein 45-minütiges Release-Konzert vor rund 150 Fans. 2008 schrieb Bohn außerdem neue Hörspielmusik, diesmal für Professor Zamorra bei canora media.
Gold, Platin und ein später Dank
Am 31. Oktober 2009 bekam Carsten Bohn auf einen Schlag 62 Goldene und 4 Platin-Schallplatten für seine Musik zu den EUROPA-Hörspielen. Eine so große Zahl auf einmal war ungewöhnlich, und sie zeigt, wie viele Kassetten mit seiner Musik verkauft worden waren.
Das frühere Fanzine KOMAKINO beschäftigte sich Mitte der 2000er-Jahre mit Carsten Bohn's Bandstand, ungefähr zu der Zeit, als die ersten Brandnew Oldies erschienen. In Hamburg ist die Band nicht die einzige, die ihre Musik selbst herausgebracht hat. Das Duo Mikrofisch und die Geigerin Miss Alaska veröffentlichten ein paar Jahrzehnte später auf einem Netlabel, kostenlos und ohne Plattenfirma im Rücken. Und wer sich für Titelmelodien interessiert, findet bei den Serien-Soundtracks Musik, die ähnlich tief im Gedächtnis sitzt.
