Manche Bands schreiben erst Songs und überlegen später, wofür sie stehen. Bei The Voltarenes lief es andersherum. Die Band gab sich ein Manifest, und das las sich wie eine Hausordnung für Synthesizer.
Eine Band aus einer Münchner WG
Gegründet wurden The Voltarenes 2004 in München, in einer Wohngemeinschaft. Das Kernduo bestand aus Lars Schneider und Mawe N. Klave, so stehen beide in den Credits von Proceedings. Später verteilte sich die Band auf Hamburg-Altona und München, und Altona taucht prompt in den Songtiteln auf. Bandcamp nennt heute Hamburg.
Beide Gründer schrieben für das frühere Fanzine KOMAKINO. Das zugehörige Label führte die Voltarenes als seine Hausband.
Das Manifest
Die Regeln passten auf einen Bierdeckel: maximale Reduktion, die erste Aufnahme zählt, Keyboards werden von Hand gespielt, und der Drumcomputer lebt. 2009 kam ein weiterer Punkt dazu, keine Sequenzer mehr.
Was zuerst wie eine Pose wirkt, erklärt viel über den Klang. Wer auf Sequenzer verzichtet und den ersten Take behält, nimmt kleine Unsauberkeiten in Kauf, Wackler im Timing, Töne, die nicht ganz sitzen. Genau diese Reibung unterscheidet handgespielten Minimal Wave von glatt programmiertem Synthie-Pop. Das Instrumentarium passte dazu: Yamaha CS01 und CS15D, Novation BassStation, Korg Poly 800, Casiotone 301, eine Roland TR-505 und ein analoger Vocoder. Kein Gerät davon war um 2007 neu, und darum ging es.
Vier Singles ohne Vinyl
Ihre ersten Veröffentlichungen nannten die Voltarenes 7-Inches, obwohl es sie nie auf Vinyl gab. Das Label brachte sie 2007 und 2008 als Reihe virtueller Singles heraus, eine Verbeugung vor einem Format, das sich keine kleine Band leisten musste, um es zu lieben.
- Anagrams (15. September 2007): „Anagrams“ und „Roadrunner“, ein Cover der Modern Lovers
- Altona City (15. Oktober 2007): „Altona City“ und „Hymn for the Heartbroken“
- Remake Remodel Reduce Repeat (Dezember 2007)
- She's in Parties (2008)
Zu „Altona City“ verriet die Label-Seite damals eine hübsche Konstruktion: Die Musik stammt von Another Sunny Day, der Text von Guns N' Roses. Zwei Bands, die man selten im selben Satz liest.

Proceedings
Das Debütalbum erschien am 16. November 2009 als koma 26. Proceedings sammelt zwölf Songs, die zwischen 2004 und 2009 geschrieben wurden, also die ganze bisherige Geschichte der Band. Aufgenommen wurde zwischen 2006 und 2009 in Hamburg und München, gemastert hat Martin Glos von Isola Music. Unter den Titeln sind „Captain“ und „Altona“. Ein Stück fällt aus dem Rahmen: „Salut“ vertont einen Text des französischen Dichters Stéphane Mallarmé.
Bandcamp ordnet das Album unter Minimal Wave und Minimal Synth ein. Das trifft es, wobei der Mallarmé-Song zeigt, dass die Reduktion bei dieser Band nie Kargheit im Kopf bedeutete.
Die Kinokoma-Szene
Kinokoma begann mit den Voltarenes. Anagrams trägt die Katalognummer koma 11, die erste des Labels, und von dort zählt Discogs bis koma 36 im Jahr 2012. Alle Veröffentlichungen waren kostenlose Downloads mit Artwork, eine Haltung gegen die Rechnung kleiner Indie-Labels.
Die Wege in diesem Katalog waren kurz. Mawe N. Klave gehörte zugleich zum Duo Mikrofisch, und als 2008 das Tribute-Album Monsters of the Universe mit Mikrofisch-Songs erschien, steuerten die Voltarenes einen eigenen Beitrag bei. Allein betrieb er außerdem The Walkie Talkie Monsters. Wer die drei Projekte nacheinander hört, erkennt Geräte wieder: Den Casiotone 301 etwa nennen die Credits sowohl bei Mikrofisch als auch bei den Voltarenes.
924 und danach
2011 folgte die Remixed EP (koma 33). Am 19. Oktober 2012 erschien 924, die letzte Nummer im Katalog, koma 36. Inzwischen war aus dem Duo ein Trio geworden, mit Flori™ als drittem Mitglied. Die Texte waren jetzt deutsch, und ein Saxofon kam dazu, ein Instrument, das in keiner früheren Geräteliste der Band steht.
Wer 924 direkt nach Proceedings hört, merkt den Sprung sofort. Der Bandname ist derselbe, die Sprache nicht mehr.
