K O M A K I N O

hugging the bear - die berlinale 2006


10 Filme in 10 Tagen – was bleibt? Wie jedes Jahr versucht man wieder, aus dem übergroßen Programm die Rosinen zu picken – was überlegt man nicht alles: man kann die Entscheidungen regieabhängig, storylastig oder schauspieleraffin treffen – oder bemüht sich die Schnittpunkte der eigenen Interessen in Filmen wieder zu finden. Hat man letztes Jahr mit „Keine Lieder Über Liebe“ und der leider danach nie mehr aufgeführten Dokumentation „Verschwende Deine Jugend“ gute Erfahrung mit Filmen über Musik gemacht, findet man in diesem Jahr im Programm ebenfalls lohnenswertes wieder.

The Brothers Of Head eröffnen das Panorama (die zweitwichtigste Filmreihe nach dem „Wettbewerb“) und überraschen mit einer Geschichte um eine Band mit siamesischen Zwillingen als Frontmännern, die Punk erfinden. Einige schöne Querverweise für den Punknerd in uns lassen selbstredend Parallelen zwischen Johnny Rotten und den siamesischen Zwillingen ziehen und angenehmerweise – so laut und das gesetzte Berlinalepublikum verschreckend die Liveszenen auch sein mögen – driftet The Brothers Of Head nie in Trash oder Exploitation ab, sondern wahrt immer seinen künstlerischen Anspruch. Überraschender Gewinner des Publikumspreises der Berlinale wurde jedoch der israelische Dokumentarfilm Paper Dolls, der Wirken und Wirren einer Gruppe transsexueller Filipinos beleuchtet, die in Israel eine Travestie-Showgruppe gründen. Etwas zu langatmig geraten und mit einem Regisseur, der zu oft selbst handelnd zu sehen ist, erreicht Paper Dolls nur beim Streifen der politischen Ebene wirkliche Klasse: die strikte Ausweisungspolitik mit Internierungslagern für illegale Immigranten wie ein zufällig gefilmter Terroranschlag beim abendlichen Ausgehen rufen ins Gedächtnis, in welcher Lage sich Land und Leute befinden – mehr Verankerung in diesem israelspezifischen Kontext hätte Paper Dolls gut getan. Eine gänzlich andere Art der Dokumentation bringt Sex Pistols Regisseur Julien Temple mit Glastonbury auf die Berlinale: 35 Jahre des wichtigsten Festivals der Welt werden per Schweinsgalopp durch die Dekaden auf 135 Minuten zusammengepfercht, so dass man schlussendlich – im positiven Sinne – ähnlich eines echten Festivalbesuchs erschöpft und ausgezehrt ist. Klug, wie Temple es vermeidet, eine chronologische oder auch musikthematische Abfolge zu zeigen, sondern bewusst das Nebeneinander, ja mehr das Gleichzeitige der Ausprägungen Glastonburys aufzeigt. Neben den zum Teil herausragenden Performances (insbesondere Pulps „Common People“ von 1995 ist hier zu nennen) nimmt das Beobachten der Festivalbesucher einen großen Raum ein. Subtil und kritisch geht Temple auf die Entwicklung Glastoburys von einem Hippie-Festival zur das Jahr definierenden Großveranstaltung ein. Wo Glastonbury immer noch seinen Spirit behält, aber den Erfordernissen der Größe nicht mehr standhalten kann – der Punkt an dem für Glastonbury-Gründer Michael Eavis es nicht mehr sowohl als auch, sondern nur mehr entweder oder heißen konnte: der Bau eines beeindruckenden Zaunes mit Wachtürmen, der Eindringlinge abhalten soll, die (einerseits) nicht zahlen und (andererseits) auch eine Gefahr für Leib und Leben wegen Überfüllung bringen würden. Temple verweigert sich eines Kommentars aus dem Off, doch dass nach dem Bau des Zauns als erste Performance Joe Strummer mit einer wütenden Darbietung von „Straight To Hell“ gezeigt wird macht ähnlich wie die Begleitung einer Security-Streife, zwischen die Primal Screams Auftritt mit „Swastika Eyes“ geschnitten wird, deutlich, welche Position Temple einnimmt.

Weg vom Spezialistenbereich hin zu den „großen“ Filmen pickt man seine Favoriten nach Schauspieler oder Regisseur. Altmeister Robert Altman bringt mit A Prairie Home Companion einen herrlich entspannten, amüsanten, unaufgeregten doch immer lebendigen Spielfilm über die letzte Vorführung einer Country-Radiotheatershow mit, der ein Lehrbeispiel für das elegante Führen eines beeindruckenden Ensembles ist. Ein kleines warmherziges Märchen, das den Teil unseres Herzens, der heimlich in Nashville lebt, berührt. Capote hingegen versäumt genau das: schön erzählt und mit einem – wie immer – brillanten Philip Seymour Hoffman geht gerade die Erzählung über Truman Capotes letzten Roman „In Cold Blood“ nicht an unser Herz, sondern bietet nur Hoffman eine Bühne, die dieser in jeder Sekunde nutzt. Ein mediokrer Film mit einer Urgewalt als Hauptdarsteller – es steht zu hoffen, dass Capote dem besten Schauspieler seiner Generation den verdienten Oscar beschert. Ein Ärgernis hingegen ist Sidney Lumets Find Me Guilty, gerade auch weil es im gleichen Genre spielt wie Lumets filmisches Erdbeben von 1957, Die Zwölf Geschworenen. Wenn man vor nunmehr 50 Jahren den Film schuf, der seither das ganze Genre als Referenz- und unübertroffenes Meisterwerk dominiert, ist es einfach unverzeihlich einen billigen mit fäkalhumorigen Bremsstreifen angereicherten Film auf die Berlinale zu bringen. Das Problem ist nicht unbedingt der solide Vin Diesel in seiner ersten ernsthaften Rolle, sondern die grundfalsche Einstellung zum Thema. Braucht man wirklich einen Spielfilm über das Königlich Bayrische Amtsgericht verkleidet als New Yorker Mafiaprozess? Hinzu kommt, dass Lumet die Dauer des längsten Prozesses der amerikanischen Justizgeschichte mit seinem Film spürbar macht.

Eine positive Überraschung dagegen der Mainstream-Film der Berlinale: V For Vendetta. Die Comicverfilmung nach einem Drehbuch der Wachowski-Brüder überrascht als resolut regimekritisches Statement. Wer hätte gedacht, dass in der Zwischenzeit auf die Masse abzielende Filme in Amerika möglich sind, deren Held ein Terrorist ist, der Regierungsgebäude in die Luft sprengt und die muslimverfolgende, homosexuellächtende und die Bevölkerung in ständiger Terrorangst haltende Regierung stürzt. Nicht subtil aber doch subversiv, mag ein Film wie V For Vendetta, weil er eben gerade nicht darauf abzielt nur vor Bekehrten zu predigen, mehr Eindruck hinterlassen als 5 Stunden Michael Moore am Stück.

Mit großer Besetzung (Ewan McGregor, Naomi Watts) reist der deutsche Regisseur Marc Forster an: Stay. Gerne wird in Kritiken auf einen lynchesken Albtraum verwiesen, was jedoch am Gesehen vorbeigeht. Klassisches, visuell großartiges, ja brillant gefilmtes Mindfuckkino, das besser als The Machinist in Hollywood oder Vanilly Sky minus überprätentiösem Psychogebrabbel und besserem Hauptdarsteller beschrieben wäre. Leider reduzierte sich Ewan McGregors Anwesenheit auf die Funktion als Grüßewan, wo man doch gerade bei einem so bewusst verwirrenden Film gerne das eine oder andere erhellende gehört hätte. Erhellend war hingegen der Auftritt des Enfant Terribles des japanischen Kinos, Takashi Miike, der seinen neuen, sehr avantgardistischen Film Big Bang Lover, Juvenile A vorstellte. Mit japanischer Höflichkeit und doch dem Aufblitzen dieser immer latent vorhandenen Bedrohlichkeit beantwortete Miike dann auch die Frage, warum in seinem Film denn keine Frauen vorkämen: wenn Frauen in meinen Filmen mitspielen, dann werden sie zumeist gequält und ich dafür geschimpft." Da dachte ich mir nun: gut, mach’ ich einen Film ohne Frauen, dann kann ich auch keine quälen“. Big Bang Lover ist hochstilisiert, künstlich und kühl, doch die Kombination von Fassbinder und Lynch ist ohne Zweifel interessant und herausragend gemacht. Auch nach dem x-ten Film von Miike gilt die Regel: hast du einen Miike gesehen, hast du keinen gesehen. Wieder filmt er gänzlich anders, erzählt andere Geschichten – es scheint, dass die Ausbrüche von Gewalt die einzige Konstante in Miikes Werk bleiben.

Ebenso fordernd, wenn auch auf eine ganz andere Weise ist der unbarmherzig dem Realismus verhaftete Requiem von Hans Christian Schmid (23, Lichter). Grundlage für die Geschichte bietet der „Klingenberger Teufelsprozess“, der letzte dokumentierte Fall von Exorzismus in Deutschland – im tiefen Bayern der 70er Jahre. Weder bequem noch unterhaltsam ist es, wenn man der hervorragenden (und zu recht mit dem Darstellerpreis ausgezeichneten) Debutantin Sandra Hüller geradewegs in den Wahnsinn folgt – dabei vermeidet Schmid alles sensationsheischende und bleibt mit seiner leicht wackeligen Kamera immer nah am Menschen – bezeichnend, dass er sich nur einmal entfernt, als tatsächlich der Exorzismus stattfindet. Mutiges Kino, das sich der Unglaublichkeit der Geschichte bewusst ist und statt darauf zurückzugreifen ein Bild einer repressiven Gesellschaft zeichnet, die den Weg in den Wahnsinn, in die Verzweiflung provoziert. Es ist keine Freude, Requiem zu sehen, aber es ist ein Glück, dass solche Filme gemacht werden.

Christian Ihle