K I N O K O M A

geschmeido – album guide


DEIN SCHIFF KEHRT HEIM

2007 brachte eine besondere Überraschung für Freunde exzellenten Gitarrenpops. Was viele nach der langen Funkstille nicht mehr für möglich gehalten haben: Nach sechs Jahren kehrten Geschmeido, inzwischen von Freiburg nach Berlin gezogen, mit einem neuen Album zurück, das zu den musikalischen Höhepunkten des Jahres zählt. Ab Mitte Januar kann man sich auch wieder bei einer großen Deutschlandtour von den hervorragenden Live-Qualitäten der Band überzeugen (siehe Termine). Wir sprachen mit Philippe Frohwein, Songwriter, Sänger und Gitarrist der Band, und anfangs auch Bassist Stefan Schlachter ausführlich über den dritten Streich.

Warum hat es sechs Jahre gedauert? Was war in der Zwischenzeit?

Stefan: Das waren die Umstände, es hatte nicht mit der Musik zu tun. Wir hatten noch diverse Sachen zu erledigen, wie Examen machen und Umzüge, dann haben wir erst mal ein paar Monate einen Raum gesucht, um ein eigenes Studio zu bauen. Allein dadurch haben wir ein komplettes Jahr verloren Philippe ist Vater geworden.

Philippe: Und es hatte auch finanzielle Gründe, weil man mit der Musik, wenn man da wieder loslegt, nie richtig weiß, wie viel dann gleich bei rumkommt. Und dann macht man doch noch andere Jobs. Und wir sind auch eine Zeitlang ein bisschen träge gewesen. Und dann war da noch der Umstand, dass die „Same Same“, unsere letzte Platte, sich nicht so gut verkauft hatte, wie wir gehofft hatten. Und da muss man ehrlicherweise auch sagen, dass es ein kleiner Dämpfer ist, wo man dann vielleicht nicht gleich sofort denkt, da muss man dran anknüpfen. Aber erschüttert waren wir nicht, weil wir die Platte weiterhin ziemlich gut finden und mit der Musik zufrieden sind. Es geht einfach schnell Zeit ins Land.

Stefan: Ja, auf jeden Fall ist es nicht so, wie schon geschrieben wurde, dass wir jetzt sechs Jahre an dieser Platte gefeilt hätten. Im Endeffekt war das ein Jahr Arbeit an der Platte; zum Beispiel kann man schon mal zwei Jahre von vorn wegstreichen, das war noch im Studium, da ging nichts wegen Examen. Und am Schluss kann man auch fast noch ein Jahr wegmachen, weil die Platte schon letzten Sommer fertig war, aber dann aus Businessgründen nicht mehr letztes Jahr herauskam.

Da wart ihr auf Label-Suche?


Stefan: Ja, das auch.

Philippe: Und wenn man eins findet, dann geht das eine Weile, bis sie dann wissen, wann sie es herausbringen wollen. Die haben ja auch andere Bands. Also, uns kam es nicht so lang vor.

Stefan: Im Endeffekt war es wirklich nur ein Jahr Arbeit dran und nicht mehr.

Aber das Warten hat sich gelohnt.


Stefan: Das freut uns zu hören.

Philippe: Ja, wir sind schon zufrieden mit der Platte. Wir finden uns da gut repräsentiert. Also, was jetzt damit passiert, kann man nicht sagen, aber ich finde, wie sie aussieht, wie sie klingt, das gefällt mir gut.

Man kannte ja schon „Sag mir wir schlafen nie“, das bereits 2004 auf einem Tapete-Sampler erschien.


Philippe: Ja, und das war auch schon relativ poppig. Prog-Pop.

Ja, mich hat das teilweise sehr an Münchener Freiheit erinnert, mehr als Blumfeld, die seit „Old Nobody“ plötzlich mit Münchener Freiheit verglichen wurden.


Stefan: Die Melodie im Chorus, meinst du? Die hat dich an Münchener Freiheit erinnert?

Ja, total.


Stefan: Hat schon mal jemand gesagt.

Ich hatte früher mal eine ältere Münchener-Freiheit-Platte, die echt gut ist.


Stefan: Ich kenne die nur aus dem Fernsehen.

Die hatten ja dann ihre Hits mit „Ohne Dich“ und „Tausendmal Du“, die sind zwar ganz nett...


Stefan: Also, als Kind fand ich das super.

Philippe: Ja, aber Münchener Freiheit ist was Tolles.

Aber ihre Platte „Herzschlag ist der Takt“ von 1984 mit Songs wie „Kalt oder heiß“ habe ich als ziemlich gut in Erinnerung.


Stefan: Ich finde den Bandnamen auch ganz toll.

Philippe: Also, du kannst denen viel vorwerfen. Das ist immer ganz einfach, eben so zu sagen, dass sie so was Slickes bedient haben, so dass man sich wohl fühlt, mit den ganzen Chören. Aber das hat mich so gereizt bei dem Stück, dass man einen Chor machen kann wie im Refrain, der relativ hoch ist und auch noch Kopfstimmen dabei hat und viel Hall, und dann auch noch auf Deutsch. Das ist nicht ganz einfach. Da kann man sich nicht so gut verstecken. Wenn man dann schon so einen Chor macht, habe ich gedacht, dann machen wir den auch richtig, dass das ein bisschen aufgeht. Und Münchener Freiheit haben so etwas perfekt gekonnt. Die haben ja auch Spaß an den Produktionen gehabt, das hört man. Ist ja nicht so, dass die sich gedacht haben: So, jetzt bieten wir dem Volk mal hier so einen richtig slicken Track, damit die das gut kaufen. Sondern das war schon ihre Philosophie.

Stefan: Ja, wobei die nicht so verschiedene Ebenen benutzt haben.

Philippe: Ja, die haben ein anderes Publikum bedient. Aber als Musiker oder als Produzenten haben die im Prinzip Sachen gemacht, die ich richtig finde. Es war aber nicht so, dass wir dachten, wir spielen mit diesem Feeling, so ein bisschen glamourös zu sein und fönfrisuren-mäßig rüberzukommen. Es ist eigentlich eher über die Musik entstanden, dass es münchener- freiheit-mäßig geworden ist. Aber mich beleidigt es nicht, wenn jemand das sagt.

Dann finde ich den Instrumentalteil am Ende toll, der hat mich teilweise an frühe Genesis erinnert.


Ja, finden wir auch. Wenn man einen Song macht, der wirklich im Radio laufen sollte, dann darf man so was nicht machen. Das ist zu kompliziert. Aber es ging auch um Spaß, und das war ein Stück, das wir zwischen den Platten rausgebracht haben, wo eh noch nicht klar war, was damit passiert. Da dachten wir, dann machen wir wenigstens hier mal alles, was wir so richtig können.

Kannst du noch irgendwas zum Text sagen?


Ja, eine Zeitlang habe ich viel Fernsehen geguckt, in meinem Zimmer mit meiner Freundin, und da ist so ein Gefühl entstanden. Da haben wir beide gerade drei Monate nichts gemacht und haben echt nur Fernsehen geguckt. Und irgendwann ist uns das auf den Sack gegangen. Und das habe ich dann gefühlsmäßig in den Text gepackt. Es ging auch darum, warum man immer wissen will, was gerade in den Schlagzeilen ist. Warum ist das eigentlich so wichtig? Du sitzt zu zweit in deinem Zimmer und bist eigentlich zufrieden, dass man zusammen ist, und dann guckt man trotzdem Fernsehen und will wissen, was jetzt wieder in den Nachrichten los ist. Warum eigentlich? Das ist mir nicht so ganz aufgegangen. Das habe ich versucht auszudrücken. Aber es ist kein richtiges Proteststück, wo man sagen würde, die bösen Medien oder so, sondern es handelt eher von unseren Gefühlen. Da habe ich mir eben vorgestellt, wie man die Situation, wie wir uns damals gefühlt haben, so ausdrücken kann, ohne zu genau zu werden und zu sagen „Ich sitz’ mit dir im Wohnzimmer und die Glotze läuft“.

Da ist am Anfang auch eine Zeile über Worte, die wollen, dass man einschläft...


Genau, die labern dich zu sozusagen.

Das klingt schon ein bisschen nach Protesthaltung: Bleib wachsam...


Ja, eben, genau, wenn man sich das alles immer anhört. Und dann habe ich das mit den Worten noch ein bisschen weiter gesponnen. Was wird die ganze Zeit eigentlich immer geredet, wenn man den Fernseher oder das Radio anmacht, oder wenn du auf die Straße gehst und mit Leuten, die du nicht kennst, redest? Und das mit „Sag mir wir schlafen nie“ war eine Art: Wir müssen aufpassen, dass wir da jetzt nicht alles so unzensiert reinlassen. Was überhaupt geredet wird. Aber es ist eigentlich ein Liebeslied.

Das wurde zu Track 11, nun aber zu Track 1: „Kalt, kalt kalt“. Die Drums am Anfang erinnern an „Deja vu“ von Spliff.


Ja (lacht), das ist zufällig entstanden. Aber das ist mir später auch klar geworden. Es gibt auch ein Schlagzeugriff von Phoenix, wo so etwas passiert. Es ist aber auch ein versierter Schlagzeuger, den wir da am Start haben. Der spielt gerne mal Sachen, die ihm persönlich auch gut gefallen. Aber das hast du gut beobachtet.

Der Spliff-Song ist natürlich auch ein Klassiker.


Ja, bei der Platte ist es übrigens oft so, dass wir mehr darauf geachtet haben, dass zwischen Musik und Text eine Verbindung entsteht, so programmmusik-mäßig. Aber das kann man ja nicht ganz 100-prozentig durchziehen. Bei dem Stück war zuerst die Musik da und dann hatte ich schon eine Idee, worum es da gehen könnte. Es ist eine Bekanntschaft von mir, die beruflich sehr viel reist und ständig in New York und in Tokio usw. unterwegs ist und mir immer davon erzählt. Diesen Glamour und diese Hotelgeschichten, diese Foyers sind eine Welt, die ich eigentlich gar nicht richtig kenne, weil die Hotels, die wir besuchen, ja eher bescheiden sind – in Deutschland, Österreich, Schweiz (lacht). Da habe ich mir überlegt, weil das Stück ja auch „Kalt, kalt, kalt“ heißt, dass man einen Klang finden muss, der das ausdrückt, der ein bisschen in die 80er geht. Denn da ist ja die Ästhetik extrem in die etwas kältere Richtung gegangen, und wenn man sich die Bilder vorstellt – Jazz in Flughäfen oder so was –, passt das ganz gut zu dem Lied. Es sollte eher so etwas sein, wie der Refrain sagt: Ja, ja, du kommst aber schon immer wieder hierher, da wo Holz noch Holz ist (klopft auf den Holztisch), und das wollte ich damit ausdrücken. Aber auch dass die Ästhetik von so einer globalen, etwas teueren Welt natürlich auch ein interessantes Bild ist. Man kann ja nicht immer nur, so wie die Amerikaner in Holzfällerhemden, Songs mit Gitarren machen, sondern es gibt ja auch so etwas wie Grace Jones. Die hat nur über Nightclubs gesungen, wo man 200 Dollar Eintritt zahlen muss, und die hat großartige Musik gemacht. Davon ist es auch beeinflusst: von Grace Jones und „Slave To The Rhythm“ und solchen Sachen – natürlich ohne die Diva.

Mir ist auch aufgefallen, dass bei einigen Songs auf der Platte ein ganz langer Fade-out ist.


Ja, wir haben da ewig lang drauf gespielt. Fade-outs – da gibt es auch verschiedene Philosophien. In den 70ern und 60ern haben sie ja sofort die Regler runtergezogen, bei den Beatles zum Beispiel. Aber irgendwie auch toll.

Verschiedene Philosophien – ihr seid in der Band gegen solche abrupten Fade-outs?


Nee, aber „Auf Wiedersehen“ ist zum Beispiel ein Stück, wo am Schluss dieser Dub ist – eine Musik, die sehr repetitiv ist. Die kann man nicht einfach so abwürgen. Und wenn man im Club Dub oder Reggae hört, geht das immer ewig, bis das nächste Stück eingeführt wird. Das wäre dem nicht gerecht gewesen, wenn wir schnell aufgehört hätten. Bei „Schutzhaft“ ist das auch so, das symbolisiert ein bisschen... Soll ich da schon mal vorgreifen?

Ja, das kommt ohnehin als nächstes.


„Schutzhaft“ ist ein Song über einen Freund von mir, der mal auf ein Konzert von uns in Stuttgart kam. Das ist auch ein Journalist, der über Musik schreibt und extra mit der S-Bahn von Sindelfingen nach Stuttgart gefahren ist, weil er in Sindelfingen Familie hat. Er hatte kein Kleingeld mehr und hat die S-Bahn nicht bezahlt, dachte, kann man ja mal machen. Er wurde aber erwischt, und das war eine ganz fiese Gruppe von Kontrolleuren. Das waren rabiate Typen, die eine ganz schlimme Masche mit ihm gefahren und ihn richtig tätlich festgehalten haben. Er ist aber entwischt und durch Stuttgart abgehauen. Das ging zwei Stunden und am Schluss war dann noch die Polizei hinter ihm her. Er war früher sehr guter Leichtathlet und ist ein sehr disziplinierter, sehr bürgerlich denkender Mensch. Der würde eigentlich nie Verbrechen begehen oder was klauen.

Aber der hat plötzlich bemerkt, die laufen mir hinterher, und hat plötzlich umgeschaltet und gesagt: Jetzt hau’ ich ab! Jetzt mach’ ich das mal. Und als er dann gerannt ist, ging es nicht mehr zurück, weil er dann dachte: Jetzt kann ich nicht mehr stehen bleiben. Da merkte er, dass plötzlich fünf, sechs Leute hinter ihm her sind. Und er ist ein sehr guter Renner. Dann kamen noch Polizisten dazu in der Stuttgarter Innenstadt. Und dann dachte er: Das ist ja richtig schlimm, was ich hier mache. Ich hau’ jetzt ab vor den Bullen. Jetzt muss ich eigentlich stehen bleiben. Aber er hat es nicht gekonnt, ist immer weiter, war denen schon fast entwischt, kannte aber Stuttgart nicht gut und ist irgendwann in eine Sackgasse reingeraten. Und da haben sie ihn dann erwischt. Das war für ihn dann in der Nachfolge eine ganz desaströse Geschichte. Er hat eine Riesenstrafe gekriegt und die Kontrolleure haben sich alle eine Woche krankgeschrieben. Das machen die immer so in Stuttgart, diese Geschichten hatte ich schon mal gehört: Wenn man sich zur Wehr setzt – und dazu gehört halt auch schon, dass du dich losreißt und wegrennst –, münzen die das sofort in Angriff um, schreiben sich krank und gehen zum Arzt und sagen: „Hier, ich hab eine Prellung.“ Dabei ist das ein ganz dünner, fragiler Typ.

Das musste dann alles bezahlt werden, für die Arbeitsstundenausfälle von denen ist er dann haftbar gemacht worden. Da war auch eine Frau in der U-Bahn, die angefangen hat zu weinen, als sie das gesehen hat. Die sagte: „Ich zahl’ ihnen was, lassen Sie den jungen Mann los.“ Wir haben dann über eine Anzeige in der Zeitung versucht, Zeugen zu finden, was aber nicht funktioniert hat. Und das war ein Zusammenstoß mit der Obrigkeit, der mit so einem Quatsch anfängt, und dann wird es schlimm. Wichtig bei „Schutzhaft“ war mir das Thema „Abhauen und immer rennen und hinter dir sind solche Leute“. Das hat mich ziemlich beeindruckt und dann hab’ ich das in einen Text verpackt. Der Instrumentalteil am Schluss, der immer so weiter geht und ganz langsam gefadet wird, soll eigentlich bedeuten, dass der Typ immer weiter läuft. Er wird also nicht erwischt in dem Lied, sondern geht immer weiter in die Sonne, als Gegenentwurf (lacht).

Das ist eigentlich ein weiterer Klassiker, einer meiner absoluten Lieblingssongs auf dieser Platte.

Ja, „Schutzhaft“ ist eigentlich auch fast mein Lieblingslied.

Dann kommt „Im schweren Seegang“. Da ist mir aufgefallen, dass es da textlich bei vielen Liedern Überschneidungen gibt, zum Beispiel diese Seefahrermetaphorik, außerdem ganz viel Verkehr, Großstadt und viel mit Licht.


Ja, das ist wahr. Das kommt aber auch dadurch, dass ich jetzt nicht wie bei der „Same Same“ ganz viele Schnipsel gesammelt habe, die ich dann zu Liedern zusammengepackt habe, sondern in einer relativ kurzen Zeit Songtexte gemacht habe. Manchmal hatte ich da das Gefühl: Muss ich immer ein ganz neues Thema finden, nur weil das ein neues Lied ist? Ist das vielleicht langweilig, wenn ich immer diese Metaphorik benutze? Und dann dachte ich: Nee, wieso? So fühl’ ich mich gerade, das kann man doch auf mehreren Stücken anwenden. Das mit dem Maritimen hat angefangen mit „Im schweren Seegang“. Da war die Musik fertig und es gab noch keinen Text, aber mir war klar, dass es von der Melodie und den Synthesizern, diesen Streichern...

Und diese Bassline.


Genau (summt Bassline) ...

Die erinnert mich übrigens an einen Song von Clannad.


Aha – den ich aber nicht kenne, muss ich sagen.

Die hatten in den 80ern den Soundtrack zu der „Robin Hood“-Fernsehserie gemacht, und da gibt es einen Song, der ein ähnliches Riff hat.


Das ist aber auch ein bisschen klassischer Krautrock, ein bisschen Hippie – und das war auch Programm in dem Stück. Und es hat schon was mit dem Meer zu tun, wie die Wellen immer hin und hergehen. Und da habe ich eine Art Liebeslied gemacht, wo man so etwas durch nautische Sachen umschreiben kann. Also, du kannst sagen „Ich hab’ Stress mit meiner Freundin“, du kannst aber auch sagen „Ich bin im schweren Seegang“, und das drückt es fast noch besser aus. Damit habe ich herumgespielt. Dann hat sich aber ergeben, dass es noch andere Lieder gab. Für mich war das noch nicht erledigt, zum Beispiel „Dein Schiff kehrt heim“. Das ist eigentlich genau das Gleiche. Da wird nur ausgedrückt: „Ja, ich bin jetzt mal wieder da. Wir haben uns jetzt mal nicht gesehen und ich steh’ jetzt wieder hier“. Das ist halt nicht so schön, das so zu sagen. Aber wenn du sagst „Hier, guck’ mal raus auf den Hafen, da liegt dein Schiff wieder am Pier, ist ganz von alleine wieder in den Hafen gefahren“, da kann man sich schon vorstellen, was das eigentlich für eine Geschichte ist. Das passt immer gut. Da gibt es auch tolle Bilder, und irgendwie ist es als Texter auch sehr angenehm, sich da ein bisschen reinfallen zu lassen in so eine Arbeitsweise, weil einem das Vieles abnimmt. Also, ich mag es immer gern, wenn man ein Thema hat, das einem hilft, dann auch Wörter zu finden. Denn so viel produzier’ ich nicht textlich. Ich hab’ nicht alles ausgewertet, was ich da hatte. Und dann sind die Reime auch was Tolles. Das machen ja nicht alle, muss man ja auch nicht – aber mir hilft es immer, zu sagen „Da muss noch eine Zeile hin“ und du suchst nach Wörtern, wo die dann wieder endet, und dann ergibt sich meistens ein Satz und das nennt sich dann Dichtung. Aber eigentlich bin ich mir sicher, dass die meisten Dichter, die viel mit Reimen gearbeitet haben, sich da auch ein bisschen reingeflüchtet haben. Weil man dann nicht so viel Substanzielles von sich geben muss, sondern einen schönen Reim finden kann – und das dann auch schon was wert ist. „Im schweren Seegang“ ist eben so ein Stück. Von daher habe ich auch viel an alte Sachen gedacht, wie von Georges Moustaki, ein Franzose, der Anfang der 70er sehr auf die Hippiewelle aufgesprungen ist, fast ein bisschen opportunistisch. Er hatte plötzlich einen riesigen Bart und ganz lange Haare und wallende Hemden. Er hat Songs gemacht, die sehr viel fließen, wo Gitarre und Bässe immer Patterns spielen und er dann so Freiheitssachen drüber singt. Das ist ein bisschen peinlich, aber ich fand das interessant. Das ist vielleicht unser Manko, aber auch eine Stärke der Band, dass wir eben nie gedacht haben: Okay, was macht man denn jetzt so, damit der Laden gut läuft? Das ist ja auch eine Kunst, sich genau in der Schiene zu halten und mitzumachen, erfolgreich zu sein. Aber wir haben immer geguckt, was abgefahren ist, wenn wir Platten hören. Du kannst ja auch wirklich alte Kraan-Sachen anhören oder irgendwelche verrückte Sachen, die du vielleicht so nicht jeden Tag herausholen würdest, um sie dir anzuhören. Aber die hatten auch irgendwas zu sagen, wo es ganz pathetisch oder psychedelisch wird. „Im schweren Seegang“ ist eher ein psychedelisches Stück mit diesen Gitarren (imitiert Riff), auch ein bisschen pink-floyd-mäßig.

Kennst du die neue Jeans-Team-Platte?


Ja, die find’ ich schön.

Die kam ja kurz vorher raus, und da sind auch ein paar Seefahrermetaphern drauf. Zum Beispiel „Segel dein Schiff“ oder „Du bist Hamburg“, bei dem ich auch musikalisch stark an Geschmeido erinnert wurde.


Ja, ich mag die Band sehr gern.



Der nächste Song ist „Möwen (als Deko)“.


Das habe ich erst mal in einer Nacht alleine gemacht mit einem Schlagzeug-Programming, weil das zu einer Phase war, wo wir ganz viele von diesen sphärischen Stücken zusammen aufgenommen haben. Und da kam es uns plötzlich vor, als ob wir jetzt tatsächlich zu Hippies geworden wären. Und dann dachte ich: Okay, da muss jetzt wieder was mit Gitarren her – nur für mich wenigstens, um mich auszutoben. So ein klassischer, nicht Punkrocksong, aber so etwas wie ein Police-Song, irgendetwas Schnelles mit Sachen, die auch in sich geordnet sind. Das ist ja ein relativ spießiges Stück. Nur weil es laut ist und man laut schreit, ist es ja nicht ein revolutionäres Stück, sondern eigentlich ist es ganz klassisch aufgebaut. Ich sing’ Sachen wie „So rot wie die U2“, in der nächsten Strophe kommt „So laut wie die B3“ und dann kommt „Stärker als die G8“, also immer mit Buchstaben und Zahlen.

Sehr aktuell.


Genau, aber ist gar nicht so ernst gemeint. Es ging nur um das Spiel mit diesen Zahlen. Und dann entsteht der Text auch ganz schnell bei so was. Die B3 ist die Bundesstraße 3, aber andere Leute denken es ist die Hammondorgel oder haben uns gefragt: „Ist das dieses Kampfflugzeug von den Amerikanern?“ Ich so: „Nee, kenn’ ich gar nicht.“ Ich hab’ dann bei Google recherchiert, weil ich nicht wollte, dass ich da ein Kampflugzeug erwähne, um etwas als laut zu beschreiben. Also, eine B2 gibt es, das ist ein Bomber, der ganz schnell fliegt.

Der Song war ganz schnell gemacht und ich habe ihn den anderen vorgespielt. Die meinten: „Jojo, machen wir halt mal wieder ein Gitarrenstück“, und dann haben wir es aufgenommen. Bei „Ein Stück zu weit“ war es ähnlich. Das ging auch ganz schnell.

Es ist auch super, dass die beiden Songs drauf sind. Dadurch ist das Album viel abwechslungsreicher und zeigt noch mal, wo ihr herkommt.


Genau, das darf man nicht alles so wegschieben, auch wenn man wieder klassische Rocksongs macht. Ja, da kommen wir her, und wir sind nicht Robert Wyatt, wir sind auch nicht Talking Heads, sondern wir waren einfach eine ganz normale Jungsband. Das darf man nicht vergessen.

Zwei Sachen dazu, die ich ganz toll finde: erstens der zweite Spliff-Bezug auf dem Album.


Schon wieder einer. Wo ist der denn?

Beim Gesang am Ende, mit der tiefen Stimme erinnert das schon sehr an Reinhold Heil.


Ja, das „Möwen als Deko“. Das hat was von der Zeit.

Sonst ist deine Stimme ja anders.


Genau, da haben wir plötzlich allen Hall rausgenommen und dann war nur noch (singt): „Und Möwen als Deko.“

Das zweite ist, dass die U2 sowohl in Berlin als auch in Hamburg rot ist.


Ja, ich weiß, in Hamburg nämlich auch. Das ist cool und das fand ich irgendwie lustig. Ich muss mal recherchieren, ob es noch andere Städte gibt, in denen die rot ist.

Vielleicht noch einen Satz zum Text – warum Möwen als Deko?


Ja, wenn du dir überlegst „Ich will euch sehen am Horizont, immer näher kommend“, was mag das sein? Eine Partei oder eine Gruppe oder die Rote Armee oder so was – so genau bin ich da nicht unterwegs, dass ich dazu Statements machen kann. Und deswegen habe ich durch diesen Zusatz „Und von mir aus noch ein paar Möwen dazu, so als Dekoration“ ein bisschen diesen Ernst rausgenommen.

„Die Stadt als Aufzug“.


Da war zuerst die Musik da, und der Text sollte dann etwas damit zu tun haben mit dem, was da musikalisch passiert. Und wir haben da sogar Regen eingespielt, dadurch kommt das ein bisschen hinterhofmäßig und kriegt etwas Städtisches, auch durch den Hall, der da drauf ist. Und da habe ich mir gedacht, ich mache mal ein Stück über die Stadt, und dann geht es schon ein bisschen um Berlin. Ich habe mich damals in meinem Studium eine Zeitlang mit Gentrification beschäftigt. Das sind Prozesse, wo Stadtteile bevölkerungstechnisch ausgetauscht werden, klassisches Beispiel: die Schanze in Hamburg. Im Prinzip ist das der Prozess, der auch in Berlin überall immer wieder stattfindet. Und weil die Musik auch noch ein bisschen cheesy ist, also einen ganz leichten Elevator-Music-Anklang hat mit der Mundharmonika am Ende, habe ich den Aufzug auch in den Text mit hereingebracht: „See you later, elevator.“ Mir ist aufgefallen, dass die Yuppies, die da wirklich durchsteigen in Berlin, teilweise ganz hervorragend stylish daherkommen und in Medien groß rauskommen. Ich weiß auch nicht, was die da alle machen, aber manchmal fühlt man sich ein bisschen von denen überrannt, also von diesen tollen. Wisst ihr, wen ich meine? In Hamburg gibt es die auch.

Ja, wie gesagt, in der Schanze.


Ja, Schanze war früher assig und ist jetzt schon mal was anderes. Aber ist immer noch schön. In den wirklich größeren Städten, sogar in Stuttgart, aber eben vor allem in Berlin und Hamburg, ist es so, dass Leute da hinziehen, um es als Sprungbrett zu benutzen: Da muss ich sein. Wenn ich da nicht bin, dann wird das nichts mehr mit meinem Business. Und sie benutzen die Stadt in gewisser Weise, ohne dass sie der Stadt etwas geben. Und was geben, heißt ja nicht, dass man sich da hinstellt und Theater macht oder Musik spielt, aber da einfach normal lebt in so einem Viertel und die Sachen macht, die alle machen. Dadurch lebt ein Viertel, dadurch gibt es die kleinen Läden. Aber wenn du da nur hingehst, weil da die Partys sind oder die Kneipen – das hat mich immer gestört am Prenzlauer Berg, wo ich wohne. Es ist furchtbar; ich hab’ jetzt wieder eine neue Wohnung und es ist doppelt so teuer wie noch vor drei Jahren. Da reg’ ich mich ein bisschen auf. Und dann saßen wir in unserem Studio – das ist auch in einem Hinterhof – im Erdgeschoss und da hat es auch geregnet und wir waren in dieser Stimmung. Wir dachten: Was machen wir eigentlich hier wieder? Alle gehen ihren fetten Medienberufen nach und wo bleiben wir jetzt hier mit unserem Dingsda?

„Auf Wiedersehen“.


Der Titeltrack – es war ursprünglich gar nicht gedacht, dass die Platte so heißt. Das sollte eigentlich ein Stück mit afrikanischen Gitarrenrhythmen werden. Da haben wir eine Zeitlang viel Fela Kuti gehört. In Berlin gibt es ganz tolle Konzerte im Haus der Kulturen der Welt, eigentlich ganz uncoole Konzerte. Das ist meistens gesponsert, das sind afrikanische Bands, da kommen sehr viele Gutmenschen, so Sozialpädagogen, das, was man sich nicht unter einer richtig coolen Crowd vorstellt. Aber es kommen auch ganz viele Afrikaner, die Preise sind günstig und da spielen halt richtig gute Sachen. Da haben wir Tony Allen, den Drummer von Fela Kuti mit eigener Band, und Femi Kuti gesehen, auch sonst ganz tolle afrikanische Bands. Stefan und ich waren da ganz oft. Das war so entspannend für uns, da hinzugehen. Man muss nicht die coolen Turnschuhe anhaben, es geht nur um die Musik, und die Leute tanzen. Hätten wir vielleicht früher uncool gefunden. Und dann wollten wir eben auch so was machen, aber haben natürlich gemerkt, dass wir das nicht können oder fühlen, und haben dann mehr Beat gemacht und das etwas anglisiert vom Schlagzeug her.

Es ist das rhythmischste Stück des Albums.


Ja, am Schluss ist ein etwas dubbiger Teil, der dann ausgefadet wird – das ist die Referenz. Dann haben wir auch viel Talking Heads gehört. Unserer Plattenfirma haben wir gesagt: „Wir haben so ein Stück, das ist afrikanisch beeinflusst.“ Und die haben gesagt: „Afrikanisch? Nee.“ Und dann haben wir gesagt: „Die Talking Heads als Referenz, das gefällt euch, oder?“ „Ja, ja, Talking Heads, super!“ Dabei hätte diese Band sich damit gebrüstet, dass man afrikanische Rhythmen überhaupt verwendet.
Und dann kamen noch diese Chöre dazu, das war ganz toll. Wir haben irgendwelche Leute, zwei, drei Mädchen, die in der Nähe vom Studio wohnen und wir gar nicht so gut kannten, eingeladen, einfach mitzusingen. Die haben aus vollem Halse gesungen und das gibt so ein Gemeinschaftsgefühl. Das war ganz toll für uns, so etwas aufzunehmen, wo alle die gleiche Melodie singen. Das drückt was ganz anderes aus, als wenn ich es alleine singen würde. Live ist es nun eins der schwierigeren Stücke.
Auf den Text bin ich sehr stolz: „Auf Wiedersehen“ ist mein bester Text ever, finde ich. Das sind zwar nur zwei Sätze, und der zweite Satz ist eigentlich gleich wie der erste, nur statt „Überfrau“ ist es „Bürohaus“. Die Überfrau ist kein schönes Wort, es ist ein bisschen störend. Es wirkt ein bisschen gehässig, seiner Exfreundin zu sagen: „Auf Wiedersehen, Überfrau.“ Aber andererseits gibt es dieses tolle „ü“ drin, und mit dem „Bürohaus“ gibt das dann einen Querverweis vom Klang. Zuerst sagst du „Auf Wiedersehen, ich habe genug von dir“ und dann in der zweiten Strophe „Ich kündige, auf Wiedersehen“. Und das ist mir auch passiert zu dem Zeitpunkt, also sowohl arbeitstechnisch als auch privat. Und da ist mir aufgefallen, dass es auch total schwer ist, auf Wiedersehen zu sagen, sowohl einer Person in einer Beziehung als auch so etwas wie einem Job. Zu sagen „Tschüss“, das macht man total selten im Leben. Und dann auch noch darüber zu singen, da wollte ich eben einen Powerchor, der mich dabei unterstützt – (singt) „Ja, auf Wiedersehen!“ –, damit man sich nicht so alleine fühlt. So war das gedacht.

Ja, das kommt schon so rüber.


Und die Platte heißt dann auch „Auf Wiedersehen“. Das war ein Augenzwinkern, weil wir so lange weg waren und dann mit diesem Titel auch noch unsere letzte Platte androhen. Also, so ein kleines internes Spiel.

Der Text mit der Bürohausgeschichte klingt wie eine Fortsetzung von „Ein dickes Lob“ von eurer Debüt-EP.


Vielleicht, ja. Aber „Ein dickes Lob“ war eine andere Geschichte. Ich sehe noch dieses Bürohaus vor mir. Ich bin auch seitdem nicht mehr da hin. „Ich geh nicht mehr durch deine Tür.“

„Dein Schiff kehrt heim“.


Das habe ich komplett alleine gemacht. Es war eigentlich gar nicht gedacht, dass es auf die Platte kommt. Stefan hat mir dann geholfen, es aufzunehmen – mit diesen leichten Voodootrommeln. Da geht es wieder um die See und um das Meer, und eigentlich wird ausgedrückt: „Ich war eine Zeitlang weg, jetzt bin ich wieder da“.

Und es gibt eine Referenz zum Song „Zieh die feuchten Kleider aus“ von eurem ersten Album.


Ja, da habe ich eine Eigenreferenz gemacht, meine erste. (lacht) Und die Midsection, wo die ganzen Chöre sind, ist ein bisschen an die Beach Boys angelehnt. Die haben ja auch viele Stücke, wo es ums Meer geht, „Sloop John B“, „Surfin’ USA“ und solche Sachen. Da dachte ich: Komm, jetzt bringe ich die Beach Boys ins Spiel. Das hat mir auch sehr viel Spaß gemacht, diese Fistelchöre zu machen. (singt) Ganz viele aufzunehmen und zusammenzumischen.

Das bist alles du?


Das bin alles ich, ja. Es war auch schön, immer diese Gitarrensachen zu spielen und gar nichts Großes zu veranstalten mit der Musik. Die muss ja nicht rocken, sondern die Trommeln gehen durch von Anfang bis Ende, es kommt mal was dazu und geht wieder weg. Das ist ein ganz einfaches Arbeiten, nur acht Spuren außer den Gesängen. Und das war auch mal wieder schön. Das hat zum Beispiel auch nicht Tobias Levin gemischt und auch nicht Peter Schmidt, bei dem wir im Studio waren, sondern das haben wir alleine bei uns auf dem Rechner gemacht. Mit so einfachen Stücken kann man das gut machen. Es wirkt jetzt auf der Platte nicht, als wäre das unprofessionell. Nur am Schluss hört man, wie ich vom Stuhl aufstehe. (imitiert Stuhlknarzen) Ich habe versucht, ob man das vielleicht abschneiden kann, aber dann hätte es abrupt aufgehört. Also musste man dieses Stuhlknarzen drauflassen. Und das merkt man auch, dass mir das egal war. Ich hab’s einfach gespielt und dann bin ich aufgestanden. Und habe nicht daran gedacht, dass es vielleicht auf die Platte kommen könnte.

„Rosalie“.


„Rosalie“ ist beeinflusst von James Taylor, ein großer amerikanischer Country- oder West-Coast-Sänger mit wunderbarer Stimme. Da gibt es ein Stück namens „Mexico“ auf der Platte „Gorilla“, das fanden wir alle ziemlich gut. Crosby, Stills, Nash and Young singen da die Chöre. Da ging es mir darum, ein Stück zu machen, das ein bisschen uptempo ist, mit Akustikgitarren und mit Chören, die immer ein bisschen versetzt hervorkommen, überraschend. Das war die Grundidee. Da klingen wir relativ 70er-Jahre-mäßig; das Schlagzeug ist so gespielt und aufgenommen wie damals, relativ trocken. Der Text ist auch wieder so was Privates zwischen zwei Menschen. „Wenn die Läden schließen, bleib bei mir“ – wir machen das schon hier. Und dann aber auch: sich selber eingestehen, man ist jetzt auch nicht etwas Besonderes, da wo man wohnt oder was man macht. Man ist genau wie die anderen und das ist schon okay. Wir müssen nicht so besonders sein. Das soll damit ausgedrückt werden.

Und der Name Rosalie?


Rosalie ist nicht die Person, die da wirklich angesprochen wird, sondern das ist von meiner ehemaligen Freundin die Urgroßmutter. So bin ich auf den Namen gekommen. Und auch wegen Phil Lynott – (singt) „Rosalie“ – super! Ist auch irgendwie ein toller Name. Ich brauchte halt auch drei Silben.

Stefanie
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Stefanie wäre zu banal oder vielleicht zu modern als Name. Natalie wäre zu französisch. Rosalie ist, glaube ich, der bessere Name.

„Ein Stück zu weit“, eines der besten Stücke der Platte. Vor allem der Gitarrenpart im Mittelteil.


Ja, den finde ich auch super. Das ist mein Zweitlieblingsstück auf der Platte nach „Schutzhaft“. Das ist auch ganz schnell entstanden. In einer Nacht habe ich wieder ein Demo gemacht wie bei „Möwen“ und dann haben wir das aufgenommen. Uns war ziemlich schnell klar, dass wir da auch Geigen drauf haben wollten, die mitspielen und eben nicht so eine Soße machen – was man sonst immer gerne mal mit Streichern tut, damit es ein bisschen sentimental wirkt –, sondern richtig mitspielen wie eine Band. Da ist dann auch ein Quartett dabei und die machen das echt toll. Die beiden Brauweiler-Zwillinge haben da mitgespielt. Elke, die Sängerin von der Band Paula, spielt ziemlich gut Bratsche, aber hatte schon ewig lange nicht mehr gespielt, als wir das gemacht haben. Es waren eher Hobbystreicher, und es hat ganz gut funktioniert. Und der Text „Ein Stück zu weit, ein Stück von dir, raus ins Treppenhaus“ – das ist halt so der abendliche Wahnsinn, keine ganz große Bedeutung. Es geht über jemanden, der ein bisschen too much auf die Tube drückt und dann vergisst aufzupassen, dass er nicht verloren geht. Oder so Sachen wie „Du bist zu früh erwacht, viel zu spät geboren“ – jemand, der gerade nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist, sondern immer dazwischen und immer weiter fällt. Um so eine Person geht es, die ich ganz direkt so nicht kennen würde, aber ich kenne schon ein paar, bei denen es so anfängt.

„Was uns gehört“.


Das ist ein Stück, das auch ein bisschen von Georges Moustaki beeinflusst ist. Der Text war lange noch nicht drauf, da haben wir erst mal die Musik gemacht. Da ging es auch darum, mit Akustikgitarren eine früh-70er französische Atmosphäre zu erzeugen. Moustaki hat auch gern mal Bossa-Elemente verwendet und sich in die World-Music-Ecke driften lassen, mit Flöten und solchen Sachen, die sehr oft im Bossa vorkommen. Und damit wollten wir auch mal arbeiten. Im Text geht es um Demonstrieren, dass man sich wehrt gegen Sachen, die von außen an einen herangetragen werden. Aber der Text ist mir meiner Meinung nach nicht unbedingt ganz gut gelungen. Das Lied gefällt mir auch nicht immer gut, aber manchmal gibt es schöne Momente, also, die Musik ist schön. Wir wollten zeigen, dass uns so was auch interessiert. Dass man ein bisschen lateinamerikanische Ansätze haben kann und das nicht unbedingt für ältere Menschen oder für Kenner ist, sondern dass man sich das einfach so anhören kann. Da habe ich die Akustikgitarre in meinem Wohnzimmer aufgenommen. Wenn man ganz genau hinhört, hört man sogar noch die Vögel im Hintergrund und ein Klappern von Pfannen in der Küche. Aber da brauchst du schon eine ziemlich gute Anlage oder man muss voll aufdrehen.

Dann kommt „Glitter (Good-bye)“, der einzige Song, den ich nicht so passend finde.


(lacht)

Dieser englische Gesang passt irgendwie nicht zu deinem Gesangsstil.


Ja, aber hör mal! Nee, da hast du völlig recht, aber andererseits war das für mich total super, so was mal zu machen: auf Englisch zu singen, und dann auf diese Weise. Ich habe einen ziemlichen Akzent und finde das immer furchtbar, wenn Deutsche sich so einen richtigen Native-Akzent antrainieren, der aber dann doch nicht richtig hinhaut. Ich mag gern, wie Nico singt, und die hat es auch nicht versteckt. Es war sogar ein amerikanischer Freund von uns da zu der WM-Zeit, dem wir das mal vorgespielt haben, und der fand das irgendwie toll. Er meinte, das sei wie Abba – wie Europäer, die versuchen Englisch zu singen. Da geht es um nichts Großes und die Subtilität geht flöten, weil man in einer Fremdsprache nicht so viel ausdrücken kann wie in seiner eigenen Sprache. Aber dafür wird man auch viel plakativer. Man sucht nach Wörtern, die man schon kennt, wie „seas of sorrow“ – und darauf reimt sich „tomorrow“. Für mich war es total cool, das zu machen. Ich hab’ echt viel Spaß gehabt. Und dann auch noch ein bisschen zu croonen, also nicht so ehrlich und normal zu singen, wie ich es sonst immer mache.

Ja, das ist etwas irritierend.


Ja, manchen stößt das übel auf, aber ich fand es interessant, auch mal wie mit einem weißen Jackett zu singen. Also, ich finde es toll. Aber es ist auch ein Abschiedslied. Es ist ja das letzte Stück von der Platte – „You have to say good-bye.“ Ich finde, das muss man auf Englisch singen.

Und vom Text her?


Ach, das ist auch jemand, der etwas verloren hat, der da nicht richtig zurechtkommt, und dann sollte der da vielleicht doch aufhören. Es ist aber niemand bestimmtes. Dadurch, dass das Lied auch ein bisschen was von Glitter hat, dass es einen leichten Soul-Einschlag hat im Refrain, hat die Metaphorik mit dem Glitter gepasst. Da sind ja die „seven labels on the clothes you wear“: Das sind die ganzen Markenzeichen auf deinen Kleidern, die singen alle – das fand ich irgendwie schön. Oder „seven winds in your hair“, das passt gut zu dieser Harmonie und ist ein bisschen sentimental.

Ein bisschen märchenartig.


Genau. Das ist einfach ein Versuch. Uns war nicht ganz klar, ob wir es auf die Platte packen sollten. Wir haben nämlich noch ein französisches Lied gemacht, „White City“.

Ja, und das wiederum finde ich total genial.


Ja, eben. Und wir mussten uns entscheiden. Denn wenn wir ein französisches, ein englisches Stück und die Sachen auf Deutsch drauf gehabt hätten, hätte das so ausgesehen, als ob wir alles so ein bisschen machen. Das ausländische Lied sollte dann das letzte sein, als Ausnahme. Und das französische hat da irgendwie nicht so gut reingepasst, obwohl ich es selber gut finde. Aber das ist wirklich aus dem Rahmen gefallen, weil es ganz anders ist, ein bisschen tanzbar. Das wäre das einzige Stück gewesen, was in diese Richtung geht und das wäre ein bisschen anbiedernd gewesen, es in diesem Kontext zu bringen. Aber wir fanden es auch schade, weil uns das Stück gefällt.

Worum geht es da?


Wirklich nur um weiße Städte, um die Farbe Weiß und die Sonne. Dann gibt es verschiedene Städte, die ich recherchiert habe.

Das hat also nichts mit Minas Tirith, der weißen Stadt aus Herr der Ringe zu tun?


Nee, obwohl ich die auch ziemlich cool gemacht finde im Film. Die ist eher bombastisch. Ich dachte zum Beispiel an Arequipa in Peru – ich war da zwar noch nie, aber das muss toll sein. Die ist weiß, weil die Steine da in der Nähe weiß sind. Und Tel Aviv ist weiß, weil da in der Nazizeit total viele Bauhaus-Architekten ausgewandert sind und dort gebaut haben. Und Bauhaus ist sehr weiß und kubisch, ein bisschen arabisch.

Aber man kann „White City“ umsonst herunterladen.


Ja, bei unserer Website müsste es drauf sein. Es ist echt schwierig, so eine Platte zusammenzustellen. Eigentlich haben bisher alle gesagt: Warum habt ihr nicht „White City“ draufgemacht statt dieses blöde „Glitter“. Nur Stefan Schlachter, unser Bassist, ist immer noch überzeugt davon, dass es der richtige Move ist und die Nachwelt es uns danken wird.

Robin Jeganathan

Aktuelles Album: „Auf Wiedersehen“ (tapete records)
Website: www.geschmeido.com